diary of my personal inquiry

Barfuss durch die Alpen

Zurück zu einer natürlichen Bewegung, das bieten Barfußschuhe wie Vibram FiveFingers. Skeptisch sind viele, wie ich bei meinen Wanderungen mit ihnen erleben durfte. Dabei vermitteln sie ein tolles Laufgefühl und kräftigen den Bewegungsapparat.

Aufmerksam auf die Vibram FiveFingers wurde ich durch das Buch „The Primal Blueprint“ von Mark Sisson. Mark empfiehlt Barfußgehen bzw. das Tragen von Barfußschuhen als ein Element seines Wegs hin zu einer Lebensführung, die sich besser an unserer genetische Ausstattung als Jäger und Sammler  und damit unseren ursprünglichen Bedürfnisse orientiert. Dazu gehört auch der Abschied von der herkömmlichen Logik der Schuhindustrie. Immer mehr gepolsterte und federnde Schuhe sieht er nicht als Fortschritt, sondern als eine Entfernung von den natürlichen biomechanischen Anpassungs- und Federmechanismen des Körpers. Schuhe sind demnach Prothesen, die ihren Träger eine unnatürliche Bewegungsform ermöglichen und damit zu einer Degeneration des Körpers beitragen. Als Folge komme es zu Platt-, Spreiz- und Senkfüssen sowie unnatürlich beschleunigtem Verschleiß an Bändern, Sehnen und Knorpeln der Füße, Beine und Hüfte.

Das ließ mich aufmerken, weil ich aufgrund einseitigem Training in meiner Jugend, eines Kreuzbandrisses und starkem Überpronieren (dabei knickt der Fuß bei Laufen auf der Innenseite ein) mittlerweile nicht mehr ganz beschwerdefrei beim Laufen bin. Natürlich wirkt sich mein Übergewicht da auch nicht positiv aus. Ich wollte sehen, ob ich durch einen neuen Ansatz das verbessern kann. In meinen klassischen Lauf- und Wanderschuhen habe ich mittlerweile das Gefühl, komplett den Kontakt zum Boden verloren zu haben. Und ja, ich habe mir meine ASIC Laufschuhe nach eingehender Laufstilanalyse und Beratung im Fachgeschäft gekauft und die Gelenkprobleme werden nicht besser.

Vor vier Woche kaufte ich mir zwei Paar Vibram FiveFingers: ein paar eher alltagstaugliche und lauforientierte Vibram FiveFingers Speed sowie Vibram FiveFingers Flow Trek. Die FiveFingers bieten eine schützende Sohle und solide Abdeckung der Zehenspitzen. Wie man gut auf dem Foto sehen kann, hat hier jeder Zeh seinen eigenen Platz und die Sohlen sind so konstruiert, dass sie einen optimalen Bodenkontakt und eine maximale Beweglichkeit der einzelnen Elemente des Fußes erlauben.

Ausprobiert habe ich die Schuhe, insbesondere die Flow Trek, während meines Wanderurlaubs im Kleinwalsertal und bin begeistert. Da sie ungewöhnlich aussehen, produzieren die FiveFingers eine Menge Aufmerksamkeit. Leider sind sie, laut Aussage einer Freundin, nicht attraktivitätssteigernd. So konnte ich mich neben den positiven Laufeigenschaften der Schuhe gleich auch mit allen Vorurteilen vertraut machen, die einem entgegenschlagen, wenn man nicht auf konventionellen Pfaden wandert.

„Spürt man da nicht jeden Stein“ ist die beliebteste Frage. Mit den Flow Trek kann ich die  klar verneinen. Vibram als Marktführer bei Sohlen für Wanderschuhen weiß, wie man leichte, dünne und stabile Sohlen produziert. So habe ich selbst bei der Wanderung in Höhen über 1.900 Metern in Fels und Karst kein unangenehmes Gefühl an den Fußsohlen gehabt.

„Hat man damit überhaupt genügend Halt“ ist auf Platz zwei der Kommentare. Auch das kann ich bestätigen. Die Flow Trek haben eine stärker profilierte Sohle, als die Laufmodelle der FiveFingers und bieten damit einen guten Grip auf Gestein, Sand und Wiese. Auch auf feuchten und glatten Steine halten sie guten Kontakt und lassen einen nur selten rutschen.

„Aber wenn es nass wird, dann wird es doch richtig unangenehm“. Das habe ich nicht gemerkt. Aufgrund des dünnen Neoprenmaterials ist selbst bei komplett im Bach untergetauchten Fivefingers nach einigen Schritten keine unangenehme Feuchtigkeit mehr zu spüren. Auch nach Stunden habe ich weder wunde Stellen noch Blasen bekommen, was aber möglicherweise auch an meinen Hobbitfüßen liegen mag.

Ich bin mit meinen FiveFingers sehr glücklich, weil ich während und nach meinen ausgedehnten Wanderungen mit ihnen nicht mehr meine üblichen Knieprobleme hatte. Ich habe den Eindruck, dass sich meine über Jahrzehnten entwöhnten oder verwöhnten Fußelemente wieder stärken und in der Lage sind, sind ihre ursprüngliche Funktion wieder wahrzunehmen. Auch bekomme ich durch sie ein Stück Bewegungsfreude zurück, da sie das Gefühl einer wesentlich größeren Kontrolle über die Fußbewegung und Schrittposition vermitteln.

Der Stärkungseffekt jedoch ist es, der einem am Anfang zu einem langsameren Angang nötigt, denn der hochkomplexe Bewegungsapparat mit seinen hunderten von Knochen, Sehnen und Gelenken muss sich an diese ursprünglichen, ungestützten Bewegungen wieder gewöhnen und Kraft und Vertrauen aufbauen. Auch verändert sich die Lauftechnik, insbesondere bei hohem Tempo. Herkömmliche Schuhe verleiten zum Auftreten mit der Ferse und anschließendem Abrollen über den Fuß. Hierfür brauchen wir die Federung durch die Schuhsohle, da unsere Anatomie dafür nicht vorgesehen ist. Natürlich treten wir mit dem Vorderfuß auf und nutzen damit die Federwirkung des Fußes, seiner Bänder und Muskeln. Diese Form der Bewegung muss man mit FiveFingers wieder trainieren, da man ansonsten schmerzhafte Erfahrungen mit dem ungebremsten Fersenauftritt hat.

Für Gelände mit vielen scharfe Kanten, wie zum Beispiel ausgedehnte Karstfelder oder frisches vulkanisches Gestein, würde die FiveFingers jedoch nicht empfehlen. Hier besteht eine größere Gefahr für Verletzungen der ungeschützten Knöchel. Aufgrund der fehlenden Stabilisierung der Knöchel muss man auch sehr aktiv auf seine Fußposition und den stabilen Halt der Füße achten, ansonsten kann es leicht zu Zerrungen und Dehnungen kommen. All das zwingt einen zu einer achtsamen Auseinandersetzung mit dem Laufen, welches für mich ein intensiveres Erleben des Wanderns bedeutet.

Nach meinem Urlaub steht für mich fest, ich werde die FiveFingers in meinem normalen Training tragen und sicherlich auch zukünftigen mit ihnen im Gebirge wandern.

 

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