diary of my personal inquiry

Der neue Terrorismus kommt nicht aus dem Netz, sondern es fehlt eine neue Ethik

Blogger, Neue Bohème Apologet, Interneterklärer, Rentenexperte und nun auch Terrorexperte des Spiegels, Sascha Lobo ist auf dem Weg der Elmar Theveßen der Generation Facebook zu werden. In seiner aktuellen Kolumne “Der neue Terrorismus kommt aus dem Netz”, argumentiert er am Kern der Sache vorbei und liefert denen, die er kritisieren will, weitere Munition gegen ein freies Internet.

“Breviks Tat wurde im Internet geboren. Das sollte und wird Folgen haben für die Art, wie man mit seinen Worten im Netz umgeht: jemand könnte sie als Waffen benutzen.” schreibt er in seiner Kolumne auf Spiegel Online. In der Auseinandersetzung mit den Thesen des CSU Innenpolitikers Hans-Peter Uhl, verstrickt sich Kommunikationsprofi Lobo in einer Argumentation, die auf den ersten Blick überzeugend klingt, jedoch bedenklich nahe an die Konstrukte der von Lobo kritisierten Anti-Internet Polemiker gerät und am Ende zum falschen Schluss kommt.

Sowenig wie ein Dorf am Hindukusch, bestehend aus Häusern, Straßen und Plätzen, Terroristen produziert, sowenig gebiert das Internet, bestehend aus Servern, Kabeln, Routern und Software, Terroristen und Mörder.

Es sind wir. Jeder der zum Hass aufruft, Andersdenkende als Nicht-Menschen disqualifiziert und Anleitungen zum Mord publiziert, ist schuldig. Es ist nicht das Papier, das Internetmanifest oder die Waffe, die tötet. Es ist der Mensch, dessen Werte und Prinzipien sich von der Humanität abgewandt haben und der seine persönlichen Werte und Prinzipien für wichtiger hält als das Leben eines Mitmenschen.

Das Internet ist ein Medium, es hat keine eigenständige Identität und handelt nicht selbständig. Wenn wir aufhören es zu benutzen, dann bleibt es stehen, wenn wir alle das gleiche kommunizieren, dann ist das die Wahrheit des Internets. Es erweitert die menschlichen Grundstrukturen der Identitätsbildung, der sozialen Beziehung und der Kommunikation, aber es ist und bleibt ein soziales Konstrukt von Milliarden einzelner Menschen.

Das Internet beschleunigt und verstärkt die Kommunikation. Dies beschreibt Sascha Lobo hervorragend in seiner Kolumne. Es vereinfacht das Finden und Zugreifen auf Informationen, für die man früher mühselig in Bibliotheken hätte wühlen müssen, oder Experten finden und befragen müssen. Damit erleichtert es nicht nur überbeschäftigten und unterqualifizierten Politikern die Promotion, sondern auch Spinnern, Radikalen und Fanatikern die Konstruktion 1500-seitiger Hass-Mashups. Daneben verstärkt das Internet die neurologischen Mechanismen des menschlichen Hirns, in allen neuen Ereignissen und Erkenntnissen nach Bestätigung für bereits Bekanntes oder Gedachtes zu suchen. Diese Verstärkerwirkung beschreibt Sascha Lobo am Beispiel der Filter Bubble von Eli Pariser. Und nicht zuletzt senkt das Internet die Kosten der Informationsverbreitung und bietet damit Meinungen und Ansichten eine Plattform, die vorher mangels ökonomischer Relevanz oder institutionalisierter herrschender Meinung in Form von Chefredakteuren und Herausgebern keine größere Verbreitung gefunden hätten.

Was fehlt, ist die Erkenntnis, dass diese Effekte auch ohne das Internet existieren, nur langsamer und aufwändiger. Denn sie sind in der Biologie unseres Gehirns verwurzelt und Teile unserer Kultur. Wäre das nicht so, dann hätten wir bereits in den 60ern und 70ern erfolgreich den Terrorismus bekämpft, in dem wir Polizisten in jede Buchhandlung gestellt hätten, denn dort gab es das Anarchist’s Cookbook zu kaufen. Genauso wirksam wäre das Verbieten von Freundestreffen und Stammtischen, hier wird bekanntlich häufig radikales Gedankengut verbreitet.

Das was aber hier anhand eines grausamen und abscheulichen Negativbeispiels kritisiert wird, wirkt auch im Positiven. Und das bedeutet für viele einen Machtverlust. Etablierte Institutionen und die in ihnen die Richtung bestimmen, leben von der Kontrolle über Informationen und ihre Deutung. Informationen sind Macht und darum geht die Auseinandersetzung, die Scharfmacher wie Hans-Peter Uhl führen. Sie wollen diese Kontrolle und damit die Macht wieder zurück.

Daran geht das Political Correctness Fazit von Sascha Lobo vorbei, wenn er schreibt “Das sollte und wird Folgen haben für die Art, wie man mit seinen Worten im Netz umgeht: jemand könnte sie als Waffen benutzen”. Das Bestimmende ist nicht dass was wir sagen, sondern das was wir denken. Wir brauchen keine neue Kommunikation, sondern eine neue Ethik. Wir brauchen keinen neuen Religionskrieg, wir brauchen humanistische Werte. Wir brauchen einen offenen und öffentlichen Diskurs darüber, was uns wichtig sein soll und was richtiges Handeln ist. Wir brauchen Klarheit, in was für einer Welt wir leben wollen. Wir müssen wissen, ob es eine voller Angst vor dem Anderen, Gewalt und Repression ist, oder eine, in der wir gemeinsamen wachsen und zusammen gesund leben können. Alle!

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