diary of my personal inquiry

Das Manifest gegen die Nachhaltigkeit

Nachhaltigkeit ist ein brennendes Thema. Die Zeitungen sind voll von Berichten, Konferenzen werden abgehalten, Werbekampagnen gestartet und offizielle Preise verliehen. Eigentlich sollten wir alle glücklich sein, gesund ernährt, mit ökologisch produzierten Nahrungsmittel, gekleidet in Kleidung aus kbA Rohstoffen, und der Umwelt und allen Menschen geht es gut. Wir alle?

Nein, zwei Menschen sind damit nicht einverstanden. Gegen dieses einhellige und gegenseitige auf die Schultergeklopfe von Konsumenten, Handel, Industrie, Beratern und Politikern verfassten sie das “Manifest gegen Nachhaltigkeit” und veröffentlichten es am Freitag in der TAZ. Autoren sind die frisch gebackene Trägerin des Sonderpreises des Rates für Nachhaltigkeit der Bundesregierung, Sina Trinkwalder und Eike Wenzel, Gründer des Instituts für Trend- und Zukunftsforschung und Ethnologe der deutschen LOHAS.

Die sozialen Medien von Twitter, Google+ bis Facebook sind voll des Lobes für das Manifest, das endlich mal die Wahrheit auszusprechen scheint. Insbesondere weil es, so hört man, einigen großen Zeitungen und Zeitschriften der Republik die Veröffentlichung als zu gefährlich erschien und sie diese ablehnten.

Aber was ist nun das “Revolutionäre”, das “Gefährliche” an diesem Manifest? Einfach fiel es mir nicht, dass zu erkennen, denn es ist nicht gerade verständlich und einprägsam geschrieben. Ich versuche mal an dieser Stelle für mich zusammenzufassen, was ich meine, aus dem Anti-Nachhaltigkeits Manifest ableiten zu können.

Was kritisiert das Manifest?

Nachhaltigkeit, CSR, LOHAS, Bio, Klimaschutz, soziale und gesellschaftliche Verantwortung werden nicht gelebt und Stück für Stück besser gemacht, sondern sind leere Sprüche. Sprüche nur dazu gemacht, um

  • mehr Sachen teurer verkaufen zu können
  • das schlechte Gewissen des Konsumenten zu beruhigen
  • damit alles genauso weiter läuft wie zuvor: profitieren und konsumieren

In der Rolle des Ablasshändlers tritt eine wachsende Schar, von Werbern, PR-Berater, Agenten, Zertfizierungsstellen und Journalisten auf, die die Geschichte der Nachhaltigkeit in schöne und emotionale Wohlfühlbilder und wissenschaftlich klingende Bestätigung des eigenen Gutseins verpacken. Bezeichnenderweise werben sie gerne mit dem Slogan “Gute Geschäfte mit gutem Gewissen”. Klarer ausgedrückt heißt es, dass sich mit dem guten Gewissen ein gutes Geschäft machen läßt. Denn für ihr gutes Image zahlen Unternehmen und Organisationen nicht aus ihrer Tasche, sondern lassen es den Verbraucher etwas kosten.

Aber die Verbraucher lassen sich das auch gerne gefallen, denn diese konsumieren ökologisch als Statussymbol. Denn es erlaubt, sich anderen gegenüber moralisch überlegen zu fühlen und dabei ein kuscheliges Gefühl des eigenen Gutseins zu haben. Und das für nur ein paar Euro extra, anstatt etwas ändern zu müssen. Dabei ersetzt das gute Gefühl häufig das eigene kritische Denken und konkretes Handeln.

Was muss anders werden?

  • ehrlich zu uns selbst und anderen sein
  • Verantwortung für uns selber, andere und die Umwelt übernehmen und leben
  • unser Glück zu suchen und nicht im Materiellen zu finden
  • in der gleichen Region produzieren, in der auch verbraucht wird; mit nachwachsenden Rohstoffen und Menschen aus der Region zu fairen, menschenwürdigen Löhnen und Preisen
  • nicht unseren Reichtum auf der wirtschaftlichen, ökologischen und sozialen Armut in anderen Teilen der Welt begründen.
  • gesellschaftlichen Nutzen vor Eigennutz stellen
  • in der Bilanz nachvollziehbar sichtbar machen, wie viel natürliches und soziales Kapital durch das Unternehmen geschaffen oder vernichtet wurde
  • Produkte entwickeln, die zu 100% wiedernutzbar sind oder unter natürlichen Bedingungen ohne Rückstände und ohne Schaden anzurichten, wieder in den Kreislauf der Natur zurückkehren

Was ist daran so revolutionär

Für mich ist der spannenste Aspekt das Bekenntnis zur Region und die Forderung, soziale und wirtschaftlich Gerechtigkeit gleichberechtigt neben die Ökologie zu stellen. Anscheinend ist es revolutionär genug, Tatsachen zu nennen und Taten zu fordern, anstatt sich zusammen auf die Schultern zu klopfen, und nichts zu ändern.

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