diary of my personal inquiry

Hamburgs wilder Süden (Radtour)

Der Weg zur Bunthäuser Spitze
Der Weg zur Bunthäuser Spitze

Das Frühjahr sieht dieses Jahr auch nicht anders aus, als der Herbst im letzten Jahr. Trotzdem halte ich es ohne Radtouren nicht mehr aus. Also ließ ich mich von den trüben Aussichten nicht aufhalten und brach auf, Hamburgs wilden Süden zu erkunden.

Durch den Hafen bis auf die äußerste Spitze der Wilhelmsburger Insel wollte ich fahren. Ein Teil Hamburgs, in den es die wenigstens Hamburger häufig verschlägt. Die meisten verbinden Wilhelmsburg mit den prägnanten Wohntürmen von Kirchdorf-Süd, die sich malerisch am Rande der Autobahn gegenüber der Raststätte Stillhorn erheben, oder wenn es gut läuft, dann ist es der Film Soul Kitchen der im Gedächnis geblieben ist. In diesem Jahr hat sich dort im unbekannten Süden allerdings enorm viel getan: Durch die Auflösung des Freihafens wird plötzlich der bislang mit einem Zaun versperrte Hafenrand nutzbar, eine neue, bequem ausgebaute Fahrradroute schafft eine schnelle Verbindung von der Innenstadt durch den Hafen direkt nach Wilhelmsburg und die Internationale Bauaustellung sowie die Internationale Gartenaustellung haben Investitionen in die bislang vernachlässigte Ecke gelenkt.

Gründe genug für mich rauszufinden, ob es irgendwo noch das raue Hamburg zwischen Eppendorfer Latte Macchiato Müttern und Social Media Berater_innen auf dem Galaostrich der Schanze zu finden ist. Also rauf aufs Rad und aus meiner großbürgerlichen Komfortzone ab zu den Landungsbrücken geradelt. Passenderweise also direkt aus Eppendorf, am Kaifu entlang, durch die Schanze, direkt in den St. Pauli Elbtunnel.

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Die Fahrt durch das mehr als 100 Jahre technische Denkmal ist immer wieder beeindruckend. Genauso wie der Blick zurück vom Steinwerder Ufer auf das Panorama der Landungsbrücken. Von dort aus geht es auf der linken Strassenseite über den breiten und angenehm zu befahrenden neu angelegten Fahrradweg zur Argentinienbrücke. Wer hier nicht gleich an der Ampel links den Weg zur Brücke hochfährt, sondern nach unten Richtung HADAG Anleger abzweigt, der kann auch das goldene Kalb im Hamburger Hafen entdecken.

Danach geht es dann wieder hoch und über die neugebaute Fahrradbrücke entlang der Klütjenfelder Brücke runter zum Spreehafen. Seit Auflösung des Freihafens kann man diesen auch bequem umrunden und den Blick auf diese großen Wasserfläche genießen, die zur Zeit überwiegend von Hausbooten belegt ist. Nach Verlassen des Reiherstiegs wurde ich ein bißchen verwirrt, da der Radweg an dieser Stelle nicht besonders gut ausgeschildert ist. Für eine große Radroute im Hamburger Radwegenetz hätte ich mir hier etwas anderes erwartet. Allerdings fand ich eine spannende Streckenvariante entlang des grünen Ernst-August-Kanals und dann parallel zum Aßmannkanal auf reinen Fuß- und Radwegen bis zu den neugestalteten Ursula-Falke-Terrassen gegenüber dem Einwohneramt Wilhelmsburg. Von hier war es nur noch ein Sprung zum Gelände der internationalen Gartenausstellung. Deren Besuch hebe ich mir für eine andere Gelegenheit auf, dann mit der Familie. Pech war nur, dass das umzäunte Gelände die schöne Radstrecke versperrte und leider die vorhandene Umleitung nicht ausgeschildert war (auf der Website der Stadt ist diese beschrieben, allerdings habe ich sie erst hinterher gefunden). So durfte ich mir einen Weg durch das wenig ansehnliche Einfamilienhausgebiet Wilhelmsburg suchen. In all diesem langweiligen Einerlei erschien mir dann das Ensemble der Kreuzkirche gegenüber von Kirchdorf-Süd wie ein Mahnmal aus vergangener Zeit.

Nachdem ich mit dem Unterqueren der A1 den letzten Rest des “modernen” Wilhelmsburg hinter mir gelassen hatte, bot sich nun eine ganz andere Welt, denn ich fuhr entlang des Stillhorner Hauptdeich und des Naturschutzgebiets Heuckenlock durch den überwiegend gartenbaulich genutzen Teil der Elbinsel. Mein Ziel war die Bundhäuser Spitze, an ihrem äußersten südlichen Ende. An dieser Spitze teilt sich der Elbstrom in die Süder- und die Norderelbe und bildet damit die Elbinseln. Hier haben die Hamburger schon seit dem Mittelalter gestaltend in den Lauf der Elbe eingegriffen, um dem aufstrebendem Hafen in Harburg buchstäblich das Wasser abzugraben und ihren Hafen mit einem reichen Warenstrom zu Wachstum zu verhelfen. Dieses Erfolgsprinzip bildet weiterhin die Grundregel Hamburger Hafenpolitik.

Der Zugang zur Bundhäuser Spitze sah ersteinmal ziemlich verammelt aus, wird er doch durch das Tor der Stackenmeisterei versperrt. Hier muss man sich rechts Richtung Moorwerder Freiluftschule halten und gelangt dann auf den ca. einen Kilometer langen Deichweg durch das Naturschutzgebiet bis zum ehemaligen Leuchtfeuer an der Spitze. Hier ist vollständige Ruhe und Entspannung angesagt.

Nach diesem schönen Endpunkt mache ich mich dann entlang der Norderelbe wieder auf den Rückweg, der mich am Ende durch die wenig attraktive Industrielandschaft der Peute führt. Zur Belohnung wartet jedoch am Ende gegenüber der Veddel, die Ballinstadt auf mich. Dort wo früher hunderttausende Auswanderer auf die Abfahrt ihrer Schiffe in die Neue Welt warteten, ist heute in den alten Barracken eine spannende Ausstellung. Von hier aus schlüpfe ich durch den alten Zolldurchlass am Veddeler Bahnhof hindurch und über die Freihafen Elbbrücken zurück in die Hamburger City. Nachdem ich die Alster überquert habe, erreilt mich dann doch mein Schicksal in Form eines Plattens und ich muss unrühmlich die letzten Meter mit der U-Bahn zurücklegen.

Was mir an dieser Tour am besten gefallen hat, ist der ständige Wechsel zwischen Hafen-, Industrie und Naturlandschaften, und das alles in einer Stadt: Hamburg.

Wer die Tour nachfahren möchte, der findet auf der Plattform komoot.de die Route.

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